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Margot Käßmann und ihre „Krumbacher Botschaft“

Wie die Ex-Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, in Krumbach für einen besonderen Höhepunkt beim Literaturherbst sorgte.

Von Annegret Döring

Sie feiert das Leben und sie feiert es als Christin. Mit dem hebräischen Trinkspruch „L’Chaim“ – auf das Leben – feierte Margot Käßmann, lange Jahre Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Pfarrerin und Mutter von vier Kindern, ihren 60. Geburtstag im vergangenen Jahr. Und diesen Spruch ruft sie auch den 350 Besuchern ihrer Lesung im Rahmen des Krumbacher Literaturherbstes in der Aula der Mittelschule zu. Auf das Leben wie es ist, mit all seinen Höhen und Tiefen, die darin liegen und die dazu gehören!

Vorher wird sie ungewöhnlich begrüßt von der Sitztanzgruppe „Locker vom Hocker“ der evangelischen Kirchengemeinde Krumbach mit Pfarrer Eugen Ritter. Die Frauen haben mit ihm das Lied „Komm lass uns doch zur Käßmann gehen“, einstudiert. Die durch und durch lebensfroh wirkende und durch ihre Biografie sehr lebenserfahrene Frau wurde von ihrem Verlag gefragt, doch ein Buch über das Altwerden zu schreiben. Herausgekommen ist dabei das Büchlein „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“, ein kleiner Ratgeber, der das Leben feiert, bei dem sich die Autorin aber auch stets fragte: „Was kann ich als Christin denn schreiben zum Thema Altwerden?“ Sie richtet den Blick auf das Leben selbst – insbesondere auf ihr eigenes mit der gesamten Entourage von Familie, Freunden und Freundinnen und ihrer Berufslaufbahn. Darin ist sie Expertin, da ist sie absolut authentisch. Sie schaut aber gleichzeitig auch in die Bibel, die zu vielen Lebensereignissen und -stationen einen wahren Schatz an Worten und Geschichten bereithält.

Sie erzählt mehr als sie liest, steht eineinviertel Stunden am Rednerpult in ihrem blauen Kostüm und es ist keine Sekunde langweilig für die Zuhörer. Die hängen an ihren Lippen, wollen von dieser Frau ein bisschen Lebensrat hören oder vielleicht ein paar klare Ansagen, wie man leben kann oder soll. Lustig selbstironisch kommt es herüber, wenn sie berichtet, wie sie ihrem Enkelkind Bruder Jakob auf Facetime vorsingen soll und sich gnadenlos die eigenen Falten überdeutlich im Bildschirm des Smartphones abzeichnen. Sie erzählt wie man das eigene Altern bemerkt, wenn man sich ertappt bei Gewohnheiten, die man an den eigenen Eltern merkwürdig fand wie etwa das Lesen von Todesanzeigen und stellt andere körperliche Unzulänglichkeiten fest. Sie plädiert für das Frieden finden mit den Abzweigungen des Lebens, die man genommen hat – man habe ja versucht, die richtigen Abzweigungen zu nehmen. Manchmal bekomme man Abzweigungen auch auferlegt vom Leben, wie eine schwere Diagnose, den Verlust eines lieben Menschen, den Verlust des Arbeitsplatzes. Wichtig sei, dankbar zurückzublicken, auch wenn man einmal die falschen Abzweigungen genommen habe. Käßmann erzählt dazu die Josephsgeschichte aus der Bibel, der von seinen Brüdern übervorteilt wurde und sich dennoch nicht rächt am Ende, als er ihnen helfen soll und kann. Da spüren die Brüder genau ihre Schuld und sind froh, dass diese vergeben werden konnte.

Käßmann erklärt, wie der Rückblick ins eigene Leben mit Kindern, Geschwistern oder Freunden in Gesprächen ganz aus anderem Blickwinkel betrachtet werden kann, was durchaus bereichernd sei. Sie erzählt, wie West- und Ostdeutsche die letzten Jahrzehnte ganz unterschiedlich erlebt hätten. Ins Gespräch zu kommen darüber sei interessant. Sie plädiert für flexible Rentenkonzepte am Ende des Berufslebens, wo manche mit über 70 Jahren noch arbeiten wollten und andere mit 55 ausgebrannt seien. Sie beleuchtet das Ende des Arbeitslebens, das für viele einen Verlust von Bedeutung heiße, wo Lebenssinn neu gefunden werden muss. Für Lacher sorgt sie, als sie den Grabsteinspruch „Mühe und Arbeit war sein Leben, Ruhe hat ihm Gott gegeben“, verteufelt. Und sie erzählt von einem Freund, der nach dem Arbeitsleben tatsächlich noch eine kleine Karriere als Clown gemacht hat. Bedeutung erlangte in ihrer Amtszeit auch ihr Kürzel MK, mit dem sie allerlei Schriftliches abzeichnete.

Als sie dann eine Handtasche auf einer Reise eines großen Herstellers mit diesen Initialen sah und erwarb, raunten Neider, die das später bemerkten „Hat sie jetzt schon ein eigenes Handtaschenlabel ...“ Käßmann macht klar, dass sie glaubt, jeder sei ersetzbar. In diesem Bewusstsein gelte es zu leben. Sie erinnert an das 5. Buch Mose, wo Gott Mose das gelobte Land zeigt, aber sagt, dass Josua das Volk dorthin führen werde. Mose wird zugesprochen, getrost und unverzagt zu sein. So könne man auch ins Alter blicken: – Getrost und unverzagt, nicht wissend, was da komme. Käßmann wünscht sich, dass Christinnen und Christen solche Hoffnungsbilder haben, wie das vom gelobten Land. Wie dieses einmal aussehen soll, das könne man sich ausmalen und solche Hoffnungsbilder könnten Christen antreiben, dass die Welt immer ein kleines Stückchen besser werde.

Auch das Lebensende nimmt sie in den Blick und plädiert für ein sich Beschäftigen mit dem Tod zu Lebzeiten „spätestens mit 61“, lacht sie. Man könne noch sehr vieles festlegen und bestimmen, bevor es so weit sei. Nach einigen Fragen aus dem Publikum zu Orten ihrer Lebensstationen und zur Ökumene erteilt die ehemalige Bischöfin nach dem gemeinsam gesungenen Lied „Der Mond ist aufgegangen“ den Anwesenden den Schlusssegen. Viele aus dem Auditorium lassen sich noch Bücher signieren und treten dann beschwingt den Heimweg an.


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