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Ehrlichkeit als Währung in Theo Waigels Leben

Wie der ehemalige Finanzminister seinen Auftritt beim Krumbacher Literaturherbst im Saal des Gasthofs Munding gestaltete

Von Dr. Heinrich Lindenmayr

Im Berliner Reichstag hätte er zur gleichen Zeit an diesem Volkstrauertag 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges aus den Briefen seines Bruders von der Westfront 1943/44 öffentlich lesen können. Doch Dr. ·Theo Waigl gab dem „Literaturherbst Krumbach“ den Vorzug. Das Publikum im voll besetzten Saal des Gasthofs Munding dankte es ihm mit stehenden Ovationen.

Die Karten im Vorverkauf seien rasch vergriffen gewesen, man hätte einen bedeutend größeren Saal gebraucht, erklärte Jobanna Herold, Leiterin der Volkshochschule Krumbach und Mitorganisatorin der Veranstaltung. Eine Lesung aus seinem Buch „Ehrlichkeit ist eine Währung. Lebenserinnerungen“ war angekündigt worden, aber Theo Waigel zog es vor, zu erzählen und die Fragen zu beantworten, die ihm Peter Bauer, Redaktionsleiter der Miue/schwäbischen Nachrichten und Mitveranstalter des Abends, stellte. In dieser Mischung aus Erzählen, Gespräch und sparsamem Vorlesen entwickelten sich höchst unterhaltsame 150 Minuten, in denen auch Kenner der Person des Ex-Bundesfinanzministers noch viele neue Facetten entdecken konnten, wie Waigel seine Familie, seine Heimat, die Lokal-, Landes-, Bundes- uncl Weltpolitik erlebte und gestaltete. Als Politiker aktiv im Literaturherbst aufzutreten, das sei schon etwas Besonderes, meinte Waigel. Mehrfach hob er seine Nähe zur Literatur hervor. Den Grund gelegt hätten die Heimatvertriebenen, die in der Nachkriegszeit bei ihm zu Hause einquartiert waren, denn sie hätten ihm Abend für Abend aus Grimms Märchen vorgelesen. Der Deutschunterricht an der Oberrealschule Krumbach und eine legendäre Theaterfahrt zu einer Fritz-Kortner- Inszenierung von „Faust“ an den Münchener Kammerspielen hätten ein Übriges getan, weswegen Theo Waigel den Erlös der Lesung dem Simpert-Kraemer-Gymnasium zu Zwecken der Finanzierung von Theaterfahrten spendete. Auf die mit ihm befreundeten Schrifrsteller Reiner Kunze und Martin Walser kommt Waigel gern zu sprechen, wobei ihm stilistisch ein Theodor Fontane besonders nahestehen dürfte. Fontane war es nämlich, der der Anekdote literarischen Wert, Unterhaltsamkeit, menschliche Substanz und pointierte Wahrheit attestierte.

Was Besucher von Veranstaltungen mit dem Ex-Finanzminister besonders schätzen, das ist Waigels Schatz an markanten Anekdoten zur Politik, die zupackender und erhellender wirken als ein geschichtlicher oder wissenschaftlicher Vortrag. Einen besonderen Akzent wollte der Vortragende am Volkstrauertag mit den Briefen seines Bruders von der Westfront setzen. Dass sein Bruder in den Briefen die Schrecken und die Aussichtslosigkeit des Krieges thematisierte, aber von Hitler, den Ideologien der Nationalsozialisten und Kriegserfolgen nie ein Wort schrieb, das beeindrucke ihn schwer, sagte Waigel. Hier offenbarte ein junger Mensch Klarsicht, Skepsis und Distanzierung zum Krieg, was auch zur Folge hatte, dass diese Teile des Buches die größte Resonanz erfahren hätten. Die deutsch-französische Aussöhnung, die Tatsache, dass französische Jugendliche die Gräber der deutschen Gefallenen pflegten oder auch, dass das Denkmal in Ursberg nicht nur an die Kriegstoten, sondern auch an die 379 Euthanasie-Opfer namentlich erinnere, führte Waigel als Beispiele für ein neues Denken an, das von Anfang an Ziel seines politischen Engagements gewesen sei.

Natürlich gab es auch andere Motive für die politische Begeisterung des jungen Theo Waigel. Landrat des Landkreises Krumbach und im Schloss residieren, das habe ihn gelockt. Von der Freundschaft mit dem damaligen JU-Kreisvorsitzenden Karl Kling erzählte er und lobte den Vorwärtsdrang, die unerschütterliche Euphorie und Energie, mit der Kling alle angesteckt und sogar Waigels Eltern aus ihrer Schwermut gelöst habe. An die Rede von FranzJosef- Strauß beim Begräbnis von Fridolin Rothermel er innerte sieb Waigel, vor allem an den Leitsatz, sich treu zu bleiben. Den Leitsatz praktizierte Waigel dann selbst im schwierigen Verhältnis zu Strauß, das er als klare Abgrenzung einerseits und als Fähigkeit zur vertrauensvollen Zusammenarbeit definierte. Klare Position beziehen und dafür Nachteile in Kauf nehmen, dazu stehe er und langfristig habe sich das noch immer ausgezahlt. In diesem Sinne hat Theo Waigel Ehrlichkeit und Wahrheit als eine starke Währung in seinem Leben erfahren und er zog am Ende der Lesung in dreierlei Hinsicht Bilanz. Erstens habe sich die Politik der Wiedervereinigung und der gemeinsamen europäischen Währung bewährt. 2,5 Billionen Euro seien in den Aufbau Ost investiert worden. Die neuen Bundesländer entwickelten sich wirtschaftlich immer besser, das erfülle ihn mit Stolz und Zuversicht. Zweitens könne er im Alter trotz aller Differenzen und Auseinandersetzungen freundschaftliche Kontakte zu den politischen Kontrahenten von einst führen: Er freue sich, einen Freund in Bayern zu haben, schrieb ihm Helmut Schmidt kurz vor seinem Tod. Und drittens habe er wochenlang auf der Bestsellerliste des Spiegel gestanden, der ihn 1992 auf dem Titelblatt als „Versager“ abgekanzelt habe.

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