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Wenn die Zahnbürste zum Uberwacher wird

Katharina Nocun gibt bemerkenswerte Einblicke über das, was heute mit unseren Daten passiert.
Bedenkliche Entwicklungen in China und in den USA

Von Dr. Heinrich Lindenmayr

Es war ein beeindruckendes So viel Papier sei nötig, erklärte die Datenschutzaktivistin, um allein die Daten aufzunehmen, die der Konzern Amazon über sie in den 14 Monaten gespeichert hat, in denen sie dort Buchangebote studierte und Bücher bestellte.

Die Organisation Subkult und das Lokal-Forum hatten Katharina Nocun eingeladen, aus ihrem Buch „Die Daten, die ich rief. Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen“ zu lesen. Die Menge der Daten ist gewaltig ) aber was lässt sich aus ihnen herauslesen? Erkennbar wird anhand der Amazon-Daten, an welchen Tagen Katharina Nocun besonders aktiv war und welchen Tagesrhythmus sie lebt. Die Daten lassen erkennen, wann und wo sie unterwegs war, ja sogar, an welchem Tag sie den Zug versäumte. Es lässt sich ablesen, wie oft sie ihre Eltern besuchte oder wo sie ihren Urlaub verbrachte. Die Daten erfassen, welche Incernerscicen sie vor der AmazonSeite genutzt hatte und natürlich, welche Produkte sie schließlich gekauft hat. Bei anderen Konzernen sind es andere Daten: Welche Lebensmittel und Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs jemand regelmäßig kauft. Welche Filme eine Person ansieht, welche Szenen im Film sie überspringt oder mehrfach ansieht. Bei langjähriger FacebookNutzung ist gespeichert, wie lange Freundschaften und Partnerschaften Bestand hatten, aber auch Details, beispielsweise durch welche Kneipen eine Clique zog, sind noch nach Jahrzehnten ablesbar. Was hätten Datenspeicher mit dem Verkauf unserer Freiheit zu tun, wollte eine Besucherin der Veranstaltung wissen und traf damit den Nerv der Sache. Katharina Nocuns gab in1 Rahmen ihrer Lesung mehrere Antworten.

Noch einigermaßen harmlos scheint es, dass die Daten genutzt werden, um jeweils an Einzelverbraucher zugeschnittene Werbung zu verschicken. Man sei nicht mehr frei, sich zu informieren, sondern bekomme die Angebote, ob man sie will oder nicht. Andererseits erhält der Bürger von bestimmten Diensten im Netz auch nur noch die auf seine Person zugeschnittenen. Er hat keinen freien Zugriff auf die Informationen, sie wurden, ohne dass er das wollte, vorsortiert und ausgedünnt. Das nächste Argument verwendet Katharina Nocun oft. Sie frage immer wieder, ob man dies oder das freiwillig von sich preisgeben wolJe. Zum Schutz der Privatsphäre gehöre eben, dass nicht alle Welt wisse, welchen Tagesrhythmus man lebe, wann man mit welchem Partner Schluss gemacht habe oder welche Filmszenen man wie oft hintereinander ansehe.

Die knackigsten Argumente ergaben sich anhand der Praxis der Datennutzung in anderen Ländern, über die Katharina Nocun berichtete. In den USA überwachen Krankenversicherer ihre Klienten. Wer sich beispielsweise die Zähne nicht regelmäßig, zu kurz oder unsachgemäß putzt, der zahlt höhere Versicherungsbeiträge. Elektronische Zahnbürsten liefern dem Versicherer dafür die Daten. Noch rigider geht es in China zu. Dort hat jeder Bürger ein Punktekonto. Daten aus allen möglichen Bereichen werden genutzt, um den Punktestand zu verbessern oder zu verschlechtern, was im letzteren Fall zu Strafmaßnahmen führt, die unbequem, entwürdigend oder gar existenzbedrohend sich auswirken. Viel sei in Europa in Sachen Datenschutz in den letzten Jahren erreicht worden. Darüber könnten Datenschutzaktivisten stolz sein, erklärte Katharina Nocun. Alle Bürger aber müssten wachsam bleiben, um ihre Privatsphäre gegen den Zugriff von Konzernen und dem Staat zu bewahren.

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