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Die Kehrseite globaler Verschwörungen

Wie Thomas Meyer die Bedrohung der Welt ins Kabarettistische verlagert

Von Dr. Heinrich Lindenmayr

Am Tag zuvor, in Memmingen, hatte der jüdische Erfolgsautor Thomas Meyer noch unter Polizeischutz gelesen. Die Vorgänge in Halle waren Anlass für strenge Sicherheitsvorkehrungen auch bei einer Literaturveranstaltung gewesen. Im Krumbacher Schloss, bei Meyers Literaturherbst-Auftritt, war von all den Aufregungen nichts mehr zu spüren. Ganz entspannt saß der Schriftsteller auf einem der roten Sofas, die im Schloss zur Möblierung der Kleinkunstbühne im Saal gehören und schon mancher Veranstaltung einen lässigen Touch verliehen haben. Die lockere Atmosphäre erwies sich als angemessen für Buch und Autor.

Denn Thomas Meyer schreibt zwar über Themen, die an Ernst nicht zu überbieten sind, aber er konzentriert sich auf die Kehrseite der Themen. Soll heißen, er schlägt aus dem Weltmachtstreben finanzmächtiger Juden und Alt-Nazis nicht nur hin und wieder einen Funken Komik und Kabarett, sondern entzündet gleich ein Dauer-Feuerwerk. 40 Jahre lang habe er sich als Jude über all die judenfeindlichen Vorurteile und Klischees geärgert, die nach wie vor in vielen Köpfen zu Hause seien, erklärte Thomas Meyer. Immer wieder höre oder lese er davon, dass Juden die wichtigsten Finanzmärkte der Welt steuerten und die eigentlichen Weltherrscher seien. Er habe es sattgehabt, sich zu ärgern und zum wirksamsten Gegenmittel gegriffen

Er mache jetzt aus den Klischees Literatur. Im neuen Roman von Thomas Meyer gerät sein Held, Motti Wolkenbruch, ohne es zu wollen, an die Spitze der jüdischen Weltverschwörung. Die agien im Übrigen so eigenwillig, dass sie auch dann nicht aufflog, als einer ihrer maßgeblichen Agenten ,,auspackte“. So verrückt und verdreht sind diese Machenschaften, dass niemand bereit ist, sie zu glauben. Das Gleiche gilt für die Gegenseite, das Agieren der Alt-Nazis in Bayern. Sie haben eingesehen, dass die Weltmacht nicht mit einer Wunderwaffe erreicht werden kann, sondern der Krieg nur in den Köpfen gewonnen werden kann. Analog zum „Volksempfänger“, der seinerzeit Hitlers Aufstieg beförderte, entwickelten sie den „ Volksrechner“. Alles, was inzwischen das Leben des modernen Menschen steuert, Computer und Tablet, Smartphone und Social Media, verdanken wir also dem Machtstreben von Juden und Alt-Nazis. Wie übermächtig diese technischen Errungenschaften geworden sind, das demonstriert der Roman am Kampf von Mottis Mutter mit einer digitalen Haushaltshilfe, einer Weiterentwicklung von „Alexa“. Der Streit entzündet sich daran, wer das richtige Rezept für ,,Matzenknödel“ habe. ,,Alexa“ gewinnt, denn sie hatte ausspioniert, dass die orthodoxe Jüdin sich ab und zu Frühstücksspeck brät. Thomas Meyer hatte zu Beginn der Lesung etwas Ungewöhnliches getan: Er verlas eine Amazon-Besprechung über seinen neuen Roman, einen schrecklichen Verriss. Er machte damit seine Lesung gewissermaßen zum Test, ob das Buch wirklich so langweilig, ohne Charme und Schwung, zudem grauenvoll konstruiert sei. Zu lachen gab es viel an diesem Literaturherbst-Abend. Ein befreiendes Lachen zumeist angesichts einer bedrohlich gewordenen Unüberschaubarkeit und Undurchsichtigkeit der Lebenswelt unserer Tage.


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