user_mobilelogo

Autorin Lisa Welzhofer stellt im Krumbacher Bürgerhaus ihr Buch „Kibbuzkind“ vor.

Ihre Lesung ist auch eine Begegnung mit der 68-er-Zeit, ihren Rätseln und ihrer Faszination.

Von Jost Herkenrath

„Einmal sind dein Großvater, du und ich allein ans Ufer des Sees Genezareth gegangen. Dein Großvater hat dich gehalten, und du hast deine Füße ins kalte Wasser gestreckt. Die feinen Kieselsteinchen haben dich gekitzelt, und du hast gelacht. Und ein bisschen war es, als habe ich Barbara von weither lachen hören.“

Als Lisa Welzhofer am Ende des Abends diese Passage aus ihrem Buch liest, ist zu spüren, dass ihr diese Zeilen sehr nahe gehen. Mit ihrem kleinen Sohn Viktor und ihrem Vater Hagai unterwegs an einem wunderschönen See: Das klingt vielleicht schon fast klischeehaft nach Familienidylle. Doch was war das für ein Weg an diesen See. Es ist, wenn man so will, Lisa Welzhofers „Lebensreise“.

Ihr israelischer Vater Hagai? Die Günzburgerin Lisa Welzhofer, heute Journalistin der Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten, 2005 Mitglied der Krumbacher Lokalredaktion, wusste lange nichts von ihrem Vater. Ihre Mutter, die aus Günzburg stammende Barbara Welzhofer, Jahrgang 1950, arbeitet in den 70er-Jahren als Freiwillige in einem israelischen Kibbuz am See Genezareth. Sie ist begeistert vom 1968-er-Geist, versucht, der spießigen, engen Welt zuhause zu entfliehen. Sie lernt im Kibbuz einen jungen Mann aus Israel kennen, verliebt sich, wird schwanger. Doch es ist eine unglückliche, kurze Beziehung. Barbara kehrt enttäuscht ins heimische Günzburg zurück, Tochter Lisa kommt im Dezember 1978 zur Welt, aber jeder Kontakt zu Israel bricht ab. Barbara erzählt kaum etwas von ihrer Zeit im Kibbuz, ihre Tochter Lisa wagt es nicht, Fragen zu stellen. Sie spürt, dass sie damit ihrer Mutter sehr weh tun könnte. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter im Jahr 2005 bleibt für Lisa dieses Lebensrätsel, das ihr keine Ruhe lässt. 2008 fliegt sie nach Israel, fährt an den See Genezareth, sie sucht – und sie findet ihren Vater Hagai, der inzwischen als Historiker in Jerusalem lebt. Den Vater gefunden – vordergründig ist die Geschichte damit zu Ende – und erzählt, in ihrem Buch „Kibbuzkind“, das Lisa Welzhofer im Bürgerhaus vorstellt.

Doch bei der Literaturherbst-Lesung, organisiert von der Volkshochschule und den Mittelschwäbischen Nachrichten, wird deutlich, dass Lisa Welzhofer in einer gewissen Weise nach der Begegnung mit ihrem Vater erst an einem Anfang steht. Da sind all diese Fragen, die Moderator Peter Bauer (MN-Redaktionsleiter) an diesem Abend im vollbesetzten Saal des Bürgerhauses (rund 60 Besucher) noch einmal aufgreift. Warum hat Lisa ihre Mutter so wenig nach ihrer Zeit in Israel gefragt? Warum hat ihr Vater nicht versucht, Lisa in Deutschland zu finden? Lisa lernt in Israel die Familie ihres Vaters kennen – deren Vorfahren aus Litauen und aus der Ukraine stammen. Und deren Weg von Zweitem Weltkrieg und Holocaust gezeichnet ist. All das – wie hat es Lisa Welzhofer selbst verändert? Die Verbindung zu ihren Großeltern „Immer, wenn ich im Kibbuz bin, gehe ich auf den Friedhof und versuche, eine Verbindung zu meinen Großeltern und den Ermordeten herzustellen. Aber es funktioniert einfach nicht. Es fühlt sich nicht richtig an. Ich stehe nicht als Nachfahrin der ermordeten Juden dort vor dem zerbrochenen Davidstern, sondern als Deutsche, als Enkelin der Täter, nicht der Opfer. Auf diesem Friedhof wird mir jedes Mal klar, dass Sozialisation schwerer wiegt als Abstammung“, schreibt sie. Ihren Vater und seine Familie trifft sie mittlerweile regelmäßig, im kommenden Jahr möchte die Familie wieder nach Israel reisen. Doch Lisa Welzhofer macht im Bürgerhaus auch deutlich, dass die Beziehung zu ihrem Vater immer eine außergewöhnliche bleiben wird. Dass, um es mit ihren Worten zu sagen, „Sozialisation schwerer wiegt als Abstammung.“

Der „Lebenstraum“ der „68-er“, der „Traum“ ihrer Mutter – auch dieses Thema klingt in der Lesung immer wieder durch. Lisa Welzhofer, inzwischen zweifache Mutter (Sohn Viktor ist knapp sechs Jahre alt, Tochter Rosa kam 2017 zur Welt) berichtet von einem familiären Alltag, der auch von Optimierung, Selbstoptimierung, nahezu allgegenwärtiger „Förderung“ der Kinder geprägt ist. Das Wort „Abstiegsangst“ der Mittelschicht steht im Raum. All díes sei den „68-ern“ fremd gewesen. Doch Lisa Welzhofer betont auch, dass jede Generation ihren Weg finden müsse. Ihren Weg gefunden: Vielleicht kann man Lisa Welzhofers Suche in Israel und das Zusammentreffen mit ihrem Vater vordergründig so umschreiben. Doch an diesem Abend wird auch sichtbar, dass am scheinbaren Ende des Weges erst die vielen Fragen kommen. Vielleicht ist das gut. Denn das „Fragen“, es ist wohl ganz einfach auch ein wesentlicher Lebensantrieb.

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichte

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.