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Sabine Weigand stellte im Rahmen des Krumbacher Literaturherbsts ihren neuen Roman „Die englische Fürstin“ in der Stadtbücherei Krumbach vor.

Von Thomas Niedermair

Um Leben und Wirken, Lieben und Leiden einer willensstarken Persönlichkeit geht es in „Die englische Fürstin“, dem neuen Opus der fränkischen Bestseller-Autorin Sabine Weigand. Der fast 600 Seiten starke Historienroman ist Daisy von Pless (1873-1943) gewidmet, einer attraktiven Britin, die durch Heirat zur deutschen Fürstin wurde, als großzügige Gastgeberin prunkvoller Feste strahlender Mittelpunkt des europäischen Hochadels war und sich durch ihr Engagement im Sozial- und Gesundheitswesen für notleidende Grubenarbeiter in Schlesien als Wohltäterin bewährte.

Die von der Stadtbücherei Krumbach und dem abc-Büchershop veranstaltete Lesung stellte, wie Bücherei-Leiterin Birgit Fleiner mitteilte, eine Premiere dar, denn die Schriftstellerin, Historikerin und Landtagsabgeordnete präsentierte ihr vier Wochen zuvor erschienenes Buch erstmals öffentlich. Sabine Weigand, eine Spezialistin für Romane über ungewöhnliche und starke Frauenfiguren der Geschichte, wie etwa über Elisabeth von Thüringen („Die Tore des Himmels“) oder über Eleonore von Aquitanien („Ich, Eleonore, Königin zweier Reiche“), erzählte, dass es ein Besuch des riesigen schlesischen Schlosses Fürstenstein war, der sie zu ihrem neuen Opus über die seinerzeitige Hausherrin Daisy inspirierte. „Zwischen Glanz und Rebellion“ lautet der Untertitel dieses Romans, womit in Kurzform bereits ausgedrückt wird, dass diese englische Fürstin zwar einerseits viel von Festivitäten jeder Art verstand, andererseits aber immer wieder aus dem preußisch-steifen Zeremoniell auszubrechen versuchte.

Mary Theresa Olivia Cornwallis-West war eine britische Offizierstochter, die Daisy genannt wurde. „Sie wirkt auf mich ein wenig wie die Lady Di der Kaiserzeit“, teilte Sabine Weigand mit, die sich auf Originaldokumente (Fotos, Briefe, Tagebucheinträge) stützte, um ein in Einzelheiten zwar fiktionales, aber weitgehend historisch basiertes literarisches Porträt dieser komplexen Persönlichkeit schaffen zu können. Mit 18 Jahren heiratete Daisy, die als schönste Debütantin Londons galt, im Dezember 1891 den späteren Fürsten Hans Heinrich XV. von Pless. Eine Liebesheirat sei dies nicht gewesen, betonte die Autorin, und auch die Ehe mit dem deutlich älteren, Affären gegenüber aber durchaus aufgeschlossenen Gatten sei alles andere als glücklich gewesen.

Weigand bezieht sich beim Literaturherbst in Krumbach auf biographische Daten

Die Chance, an der Seite des unvorstellbar reichen Kohlemagnaten im deutschen Kaiserreich einen luxuriösen Lebensstil zu pflegen und auf Schloss Fürstenstein zum umschwärmten Mittelpunkt gesellschaftlicher Lustbarkeiten für Europas Monarchen und Adlige zu werden, half Daisy aber zunächst dabei, über die Schwächen ihres Mannes und das enge Korsett des preußischen Hofzeremoniells hinwegzusehen. Dass sich Daisy, zu deren illustrem Freundeskreis sowohl der englische König Edward VII. als auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. zählten, immer wieder dagegen auflehnte, in dem riesigen Schloss mit seinen 600 Bediensteten kaum einen Schritt alleine gehen zu dürfen, mündete schließlich, wie im Roman detailreich darstellt wird, in ihr engagiertes Eintreten für die unter unvorstellbarer Not leidenden Grubenarbeiter in Waldenburg. Das bislang eher unbedarfte Party-Girl nahm „nach dem Aha-Erlebnis während eines Besuches in den Elendsquartieren bei den Steinkohlewerken“ eine neue Rolle an und bemühte sich von nun an, als „Engel von Waldenburg“ die soziale und hygienische Situation der Armen in Schlesien zu verbessern. So habe sich Daisy in ihrer freudlosen Ehe, aus der aber doch drei Söhne hervorgingen, emanzipiert und sei gegen den Willen ihres Mannes einen eigenen Weg gegangen, betonte Sabine Weigand.

Und mit dem Großherzog Adolph Friedrich von Mecklenburg-Strelitz sei ein Verbündeter in ihr Leben eingetreten, mit dem sie in einer durch Briefe dokumentierten und nur unzureichend verheimlichten Liebesbeziehung verbunden gewesen sei. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnte Daisy trotz diverser Versuche, zwischen Deutschland und England vermittelnd einzugreifen, aber nicht verhindern. Weder Wilhelm II. noch der englische König noch (ihr Stiefneffe) Churchill ließen sich von ihr davon überzeugen, alles zu versuchen, um die sich 1914 anbahnende Katastrophe zu vermeiden.

Weigand beschert zwei kurzweilige Stunden beim Literaturherbst Krumbach

Dass Daisy während des Krieges nach dem Besuch britischer Soldaten in einem Gefangenenlager in Berlin der Spionage verdächtigt wurde, brachte sie in arge Bedrängnis. „Aber der Kaiser sorgte dafür, dass ihr nicht viel passierte“, erläuterte die Romanautorin. In zwei kurzweiligen Stunden, in denen Sabine Weigand abwechselnd erzählte oder Passagen aus ihrem Buch las, konnte die Romanautorin verdeutlichen, was sie an dieser Frau fasziniert hat. Daisy von Pless, die soziale Neuerungen und Reformen für Arme, Kranke und Behinderte angeregt hat, die im Krieg als Rotkreuzschwester in Frankreich und in Serbien arbeitete und die in Schlesien die Nadelspitzenindustrie förderte, muss ohne Zweifel eine vielschichtige Persönlichkeit gewesen sein.
Nach der Scheidung von ihrem Mann (1922) hat die englische Fürstin übrigens selbst eine Autobiographie geschrieben, die den zu ihrem Leben durchaus passenden Titel „Tanz auf dem Vulkan“ trug. Der Pless’sche Besitz in Deutschland wurde 1939 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Daisy von Pless ist im Juni 1943 mit 70 Jahren in Waldenburg gestorben - von chronischen Krankheiten gezeichnet, gesellschaftlich isoliert und verarmt. Der neue Roman von Sabine Weigand würdigt dieses aufregende Leben in dramatischer Zuspitzung, aber unter Berücksichtigung historischer Fakten.

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichte

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