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Die rasende Spirale abwärts - Arno Frank

Wie aus der Flucht einer Familie vor Polizei und Behörden Literatur wurde.
Von Dr. Heinrich Lindenmayr

Vater beschleunigt. Das Auto rast auf einen Betonpfeiler zu. „Mitdenken! Mitdenken, verdammt.“ Das Hirn des Sohnes arbeitet fieberhaft, als ließe sich denkend Unheil bannen. Er stellt sich vor, wie in Superzeitlupe der Kühler am Stahlbeton zerschellt, die Windschutzscheibe sich am Beton in eine glitzernde Splitterwolke auflöst, der Motor „als tödlicher Roboter durch den schwarzen Kunststoff des Armaturenbrettes“ bricht.

Doch das Unheil kommt von hinten, denn in diesem Moment speit der große Hund aus dem Fond sein Erbrochenes „in krampfhaften Schüben und wässrigen Strahlen“ durch den Innenraum des Automobils. Der Vater fährt am Pfeiler vorbei. Es war die letzte Drehung nach unten dieser Lesung aus dem Buch „So, und jetzt kommst du“. War es dem Autor Arno Frank bewusst, wie schnell er las und wie stark er die Hörer in die Abwärtsbewegung dieser Familiengeschichte zwang? Der Vater, ein glückloser Hochstapler, reißt die Familie aus dem Alltag. Die erste Station der Flucht ist noch geprägt vom schönen Schein. 300 000 Mark unterschlagenes Geld erlauben in Südfrankreich ein Leben in Luxus, das durch Casinogewinne fortzusetzen aber Illusion bleibt. Fortan regiert die Not und treibt Vater und Kinder zu immer abenteuerlichen Manövern des Überlebens. Das ergibt zwangsläufig viele Stationen, Handlungen, Personen, Fakten. Wie aber wird daraus Literatur? Arno Frank gewinnt das literarische Potenzial aus der Erzählerposition. Es ist ein Kind, das die Familiengeschichte zu Papier bringt, ein Kind, das zwar vieles nicht versteht, aber die Brüchigkeit der Situation spürt und sensibel in vielschichtige und vieldeutige Bilder transformiert. Frappierend sind viele Einzelbeobachtungen.

Der Erzähler holt seine Schwester, die noch ein Kind ist, aus einer Kneipe, wo sie von den Tellern fremder Männer isst, weil sie den Hunger nicht mehr erträgt. Als beide aus der Kneipe treten, glänzt das Kopfsteinpflaster „wie aus sich selbst heraus, dünn wie Eis“. Die kleine Schwester Jeany hat das Morbide und Absurde der familiären Lage gleichsam verinnerlicht. Sie züchtet in Einweckgläsern Schimmel und Verwesung, freut sich über die Maden, die aus dem Bauch einer erschossenen Ratte kriechen und lackiert dem Hund der Familie mit der Farbe für das Modell eines japanischen Zerstörers aus dem 2. Weltkrieg die Krallen knallrot. Das Gespräch mit dem Publikum nach der Lesung im Rahmen des Literaturherbstes Krumbach in der Fachakademie konzentrierte sich vor allem auf das Problem autobiografischen Schreibens. Schließlich erzählt Arno Frank in diesem Buch die Geschichte seiner eigenen Kindheit. Es sei ihm nicht darum gegangen, diese schwierige Phase seiner Vergangenheit durch das Schreiben quasi-therapeutisch aufzuarbeiten, erklärte der Autor. Es handle sich ganz einfach um eine Kette unerhörter Begebenheiten, die mitgeteilt werden sollte. Das Buch im Übrigen sei viel heller und lustiger als das, was er daraus vorgelesen hätte, lässt er das Publikum wissen.

Quelle: Mittelschwäbische Nachrichten, 7.11.2017

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